KKV-Aktuell, Ausgabe 7/8-2022


Foto: Thomas Michalski

Zum Titelbild

Das Titelbild dieses Heftes ist eine Fotomontage von Fotos der Reliefs an einem Erker des Hauses Scheelenstraße 22.
Was ist das Besondere der Reliefs?
Sie zeigen religiöse Motive an einem Privathaus. In der oberen Reihe ist die Verkündigung dargestellt: links der Erzengel Gabriel, rechts Maria. Darunter sind links Bischof Bernward und recht Bischof Godehard zu sehen. Die Reliefs stammen von der Hildesheimer Künstlerin Gertrud Küsthardt-Langenhan (siehe auch KKVAktuell 04/2022).
Nach dem zweiten Weltkrieg musste vor allem die Innenstadt von Hildesheim zügig und preiswert wiederaufgebaut werden, da es viele obdachlose Menschen in der Stadt gab. Die sehr enge Fachwerkbebauung sollte einer großzügigeren Bebauung weichen, die Straßen wurden begradigt. Die Architektur der 50er ließ dabei aber nicht das architektonische Erbe außer Acht.
Im April 2022 habe ich an einem Stadtrundgang der VHS zum Thema: Architektur und Kunst der 50er Jahre in Hildesheim teilgenommen. Dabei habe ich viele bauliche Details entdeckt, die typisch für diese Zeit sind. Seitdem gehe ich mit einem anderen Blick durch Hildesheim.
Eins dieser baulichen Details sind Erker oder angedeutete Erker, die als Nachfolger an die mittelalterlichen Utluchten erinnern.
Andere Details zur Verschönerung des Stadtbilds sind die den Fachwerkbauten nachempfundenen rechteckigen Gliederungen der Häuser-Fronten, die Gestaltung der Fassaden mit Fliesen, die anderer Farbe der rechten und linken Hausseite als Begrenzung des Hauses. Haustüren und Fenster wurden eingefasst mit dekorativen Elementen, z.B. mit Waschbeton, der in den 50er Jahren entwickelt wurde.
An den Geschäftshäusern wurden die Eingänge zu den Geschäften ins Haus hineingelegt, um die Kunden sozusagen hineinzuziehen. Außerdem kann man an den Eingängen gebogene Schaufensterscheiben sehen. Über den Eingängen kann man nierenförmige Überdachungen bestaunen.
Und es gibt noch viel mehr zu entdecken!

Regina Michalski

Vorwort

Liebe Schwestern und Brüder im KKV,

am 6. August feiert die Kirche das Fest der Verklärung des Herrn. In der christlichen Tradition wurde das Geschehen auf dem schon von alters her heiligen Berg Tabor verortet (s.a. „Orte der Bibel“ in diesem Heft).

„Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien ihnen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus“ (Markus 9,2-8).

Die Verklärungserzählung findet sich im zweiten Teil des Markusevangeliums „Der Weg Jesu nach Jerusalem“ (Mk 8,27-10,52), in dem Markus insbesondere die Kreuzesnachfolge der Jünger auf dem Leidensweg Jesu thematisiert. Er greift auf Motive der Erscheinung Gottes auf dem Berg Sinai im Buch Exodus zurück: „Die Herrlichkeit des HERRN nahm Wohnung auf dem Berg Sinai und die Wolke bedeckte den Berg sechs Tage lang. Am siebten Tag rief er mitten aus der Wolke Mose herbei“ (Ex 24,16).

„Sechs Tage danach“ terminiert die Verklärung Jesu auf den siebten Tag nach dem vorangehenden Christusbekenntnis des Petrus bei Cäsarea Philippi (Mk 8,27-33) und ordnet sie so in eine historische Abfolge ein. Der „siebte Tag“ ist also am Berg Tabor wie am Berg Sinai der Tag der Offenbarung Gottes.

Jesus nahm wie Mose drei Begleiter als Zeugen mit auf den „hohen“ Berg, der an den Sinai erinnert, also nachdrücklich in die Nähe Gottes. Es sind die erstberufenen und ihm besonders vertrauten Jünger, Petrus, Jakobus und Johannes. Die drei werden zu ausgewählten Trägern der Christusoffenbarung.

Auf dem Tabor wird Jesus verwandelt. Die griech. Verbform bedeutet, dass Gott an ihm handelt und in der Verwandlung seines Sohnes sich selbst offenbart. Äußeres Zeichen dafür sind Jesu strahlend weiße Kleider. Dieses Weiß übersteigt die menschliche Vorstellungskraft. Der irdische Mensch Jesus wird als himmlisches Wesen der verklärten Welt vorgestellt. Seine Herrlichkeit scheint auf, in der er am Ende der Zeit kommen wird und die ihm, und das ist das Besondere am Taborgeschehen, schon jetzt von Gott her zu eigen ist.

Zwei Gestalten des Alten Testaments erscheinen in einer apokalyptischen Vision, Elija und Mose. Beide waren in den Himmel entrückt worden: Elija nach 2 Könige 2,11 und Mose nach jüdischem Volksglauben. Beide konnten sich damit am ehesten mit dem verklärten Jesus unterhalten. Elija repräsentiert die alttestamentlichen Propheten und gilt als Vorläufer des Messias, mit dem das Ende der Zeit anbricht. Wenn Markus ihn gegen die Chronologie des Alten Testaments vor Mose nennt, betont er damit: Jesus führt die Endzeit herauf. Mose steht für das Gesetz, das er am Sinai empfangen hat.

Petrus versagte eben noch in Cäsarea Philippi und bezog Jesu harsche Kritik, weil er nicht zur Kreuzesnachfolge bereit war: „Tritt hinter mich, du Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mk 8,33). Das Unverständnis der Jünger gegenüber der Leidensnachfolge Jesu, welches das gesamte Markusevangelium durchzieht, zeigt Petrus auch hier wieder am Tabor. Er will Hütten bauen! Menschlich ist sicher verständlich, dass er die himmlische Herrlichkeit des Augenblicks länger auskosten und bleibend festhalten will, anstatt den Weg Jesu ins Leiden mitzugehen. Aber die göttliche Herrlichkeit des Gottessohnes ist nicht von dieser Welt und lässt sich nicht auf diese Erde herunterziehen. Sie kann nur erhofft werden. Wir sollten aber das Unverständnis des Petrus als unsere Verpflichtung zum Protest gegen jedes Leid sehen, gegen das eigene und das fremde.

Die Wolke, die wie am Sinai auch am Tabor alle überschattet, ist Zeichen der Präsenz Gottes. Aus ihr spricht Gott zu den drei Jüngern. Schon bei der Taufe am Jordan am Anfang des Markusevangeliums präsentierte sie Jesus als Gottes geliebten Sohn (Mk 1,11). Die Verklärungsgeschichte, die Markus genau in der Mitte seines Evangeliums anordnet, inthronisiert Jesus als Messias und Sohn Gottes. Und unter dem Kreuz wird der römische Hauptmann beim Tod Jesu ausrufen:„Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“. Dieses einzigartige Verhältnis Jesu zu seinem himmlischen Vater begründet die Autorität seines Wortes: Auf ihn sollen wir hören.

Abrupt und ernüchternd endet das Taborgeschehen. Nach allem, was die Jünger an göttlicher Herrlichkeit auf dem Offenbarungsberg erlebt haben, sehen sie jetzt nur noch Jesus allein. Die Botschaft des Markus gilt ihnen und uns: Schaut auf den Herrn! Er allein bleibt mit seinem Wort als entscheidende Orientierung für ein gelingendes Leben. Ihm bereitwillig auf dem Weg zum Kreuz zu folgen, in der gläubigen Gewissheit, dass Leiden, Kreuz und Tod nicht das letzte Wort haben, ist unser Auftrag. „Er ist Gott, Gott für uns, er allein ist letzter Halt.“

Ich wünsche Ihnen coronafreie Urlaubstage, gute Erholung und ob Sie nun einen Berg besteigen oder ans Meer fahren, auf jeden Fall möge sie viel Sonne und Licht umstrahlen.

Ihr Diakon Dr. Rolf Busemann
Geistlicher Beirat des KKV-Diözesanverbandes