KKV-Aktuell November 2026


Foto: Tho­mas Mich­al­ski

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Der Johan­nis­fried­hof

Anfang des 19. Jahr­hun­derts ist es die ers­te Begräb­nis­stät­te Hil­des­heims, die bewusst außer­halb der his­to­ri­schen Stadt­mau­ern auf dem Gelän­de einer ehe­ma­li­gen Bas­ti­on ange­legt wur­de. Der Fried­hof wur­de im Jahr 1812 ein­ge­weiht, um die hygie­ni­schen Miss­stän­de der alten inner­städ­ti­schen Kirch­hö­fe zu been­den. Bereits 1884 wur­de er für Neu­be­le­gun­gen geschlos­sen. Bis zum Jahr 1930 durf­ten ledig­lich noch Bei­set­zun­gen in bereits bestehen­den Fami­li­en­grä­bern statt­fin­den.

Im Zwei­ten Welt­krieg tra­fen drei Spreng­bom­ben das Are­al und zer­stör­ten zahl­rei­che Grab­an­la­gen. 1952 wur­de die Anla­ge nach der Besei­ti­gung der Kriegs­schä­den umfas­send zu einem öffent­li­chen Park umge­stal­tet, wobei vie­le his­to­ri­sche Grä­ber ein­ge­eb­net wur­den.

Heu­te ist der Johan­nis­fried­hof ein ruhi­ger Rück­zugs­ort im Grü­nen direkt am Esels­gra­ben.

Obwohl der Park stark umge­stal­tet wur­de, sind noch eini­ge kul­tur­his­to­risch bedeu­ten­de Grab­stei­ne Hil­des­hei­mer Per­sön­lich­kei­ten erhal­ten geblie­ben, u. a. Franz Hein­rich Han­sen, Fabri­kant: klas­si­zis­ti­sches Grab­mal, 1868 von Fried­rich Küst­hardt geschaf­fen.

Regi­na Mich­al­ski

Vorwort

Quo vadis Deutsch­land?

Nach ver­schie­de­nen Land­tags­wah­len mit gro­ßen Erfol­gen für die lin­ken und rech­ten Rän­der und Kom­mu­nal­wah­len in Nie­der­sach­sen, die lan­des­weit ein eher dif­fu­ses Bild erge­ben haben, bleibt es bei einer gro­ßen Unlust in der Bevöl­ke­rung, sich Refor­men und Pro­blem­lö­sun­gen anzu­neh­men, zumin­dest wenn eige­ne Belan­ge betrof­fen sind. Fol­gen­des lässt sich aber all­ge­mein fest­hal­ten:   Die Insti­tu­tio­nen in Deutsch­land funk­tio­nie­ren, auch wenn die inne­re Stim­mung schlecht und ange­spannt ist. Wor­an liegt das?

Der klas­si­sche Auf­stiegs­mo­tor stot­tert. Nach zwei Jah­ren Sta­gna­ti­on und einer nur leich­ten Erho­lung 2025/26 ist die Wirt­schaft nicht in einer tie­fen Kri­se, aber sie wächst zu lang­sam, um Ver­tei­lungs­kon­flik­te zu über­tün­chen. Das spürt die Mit­te.

Die Indus­trie – Auto­mo­bil, Maschi­nen­bau, Che­mie – steht unter drei­fa­chem Druck: Ener­gie­kos­ten, die im euro­päi­schen Ver­gleich hoch geblie­ben sind, Trans­for­ma­ti­on zu E‑Mobilität und Kli­ma­neu­tra­li­tät, und neue Kon­kur­renz aus Chi­na und den USA. In Wolfs­burg, Salz­git­ter, Lud­wigs­ha­fen ist das kei­ne abs­trak­te Sta­tis­tik, son­dern die Fra­ge, ob das Werk in zehn Jah­ren noch in die­ser Form exis­tiert.

Gleich­zei­tig ist der Arbeits­markt gespal­ten. Es gibt fast Voll­be­schäf­ti­gung für Hoch­qua­li­fi­zier­te, Pfle­ge­kräf­te und Hand­wer­ker, und gleich­zei­tig eine ver­fes­tig­te Grup­pe von Lang­zeit­ar­beits­lo­sen und eine wach­sen­de Zahl von Men­schen, die trotz Arbeit kaum Ver­mö­gen auf­bau­en kön­nen. Woh­nen ist zum zen­tra­len sozia­len Mar­ker gewor­den. In Mün­chen, Ham­burg, Köln oder auch in Göt­tin­gen kos­tet eine Neu­bau­woh­nung 18–22 Euro Kalt­mie­te – wer vor 2010 gekauft hat, hat gewon­nen, wer heu­te ein­zieht, zahlt einen gro­ßen Teil sei­nes Ein­kom­mens für den Wohn­raum.

Das Ergeb­nis ist eine Art „Sta­tus­pa­nik“ der Mit­tel­schicht. Nicht Abstieg um jeden Preis, aber die Angst, dass die eige­nen Kin­der es schwe­rer haben wer­den. Das erklärt einen gro­ßen Teil der poli­ti­schen Gereizt­heit.

Der zwei­te gro­ße Strang ist die Erfah­rung mit dem Staat. Die Pan­de­mie, die Ener­gie­kri­se 2022/23 und die büro­kra­ti­schen Hür­den der letz­ten Jah­re haben ein Mus­ter hin­ter­las­sen: Vie­le Bür­ger erle­ben den Staat als gleich­zei­tig über­grif­fig und leis­tungs­schwach.

Über­grif­fig in Regeln, For­mu­la­ren, Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten – vom Hei­zungs­ge­setz bis zur Lie­fer­ket­ten­do­ku­men­ta­ti­on für den Mit­tel­ständ­ler. Leis­tungs­schwach bei den Kern­auf­ga­ben: Brü­cken, die gesperrt wer­den, Züge, die nicht fah­ren, Behör­den, bei denen man sechs Mona­te auf einen Ter­min war­tet, Schu­len, in denen Unter­richt aus­fällt, weil Leh­rer feh­len.

Die Kom­mu­nal­wahl in Nie­der­sach­sen am 14. und 27. Sep­tem­ber 2026 zeigt das in Zah­len: Hohe Wahl­be­tei­li­gung von über 60%, gleich­zei­tig mas­si­ve Gewin­ne für AfD (von 4,6% auf 15,9% auf Kreis­ebe­ne), Erfol­ge von loka­len Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten und Ein­zel­be­wer­bern. Die Men­schen gehen wäh­len, aber sie wäh­len oft gegen die eta­blier­ten Par­tei­en.

Hin­zu tritt, dass Deutsch­land de fac­to ein Ein­wan­de­rungs­land gewor­den ist – ohne sich je dar­auf geei­nigt zu haben, was das bedeu­tet. Rund 28% der Bevöl­ke­rung haben inzwi­schen einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. In Groß­städ­ten wie Salz­git­ter, Offen­bach oder Tei­len des Ruhr­ge­biets liegt der Anteil bei Kin­dern über 50%.

Auch wenn die Inte­gra­ti­on zumin­dest bei ent­spre­chen­der Bereit­schaft häu­fig gelingt, führt das immer noch eher unge­steu­er­te Migra­ti­ons­ge­sche­hen auch zu einer star­ken Kon­zen­tra­ti­on von sozia­len Pro­ble­men: Sprach­de­fi­zi­te in Grund­schu­len, Über­las­tung von Sozi­al­äm­tern, Kon­flik­te in Unter­künf­ten und eine Kri­mi­na­li­täts­de­bat­te.

Die The­men Kli­ma, Iden­ti­tät und Migra­ti­on häu­fig nicht mehr als Sach­fra­gen, son­dern als Zuge­hö­rig­keits­fra­gen dis­ku­tiert. Das macht Kom­pro­mis­se schwer.

Trotz all die­ser Span­nun­gen ist die Lage aber nicht so zer­fal­len, wie sie in der Pres­se oder den sozia­len Medi­en wirkt.

Drei Res­sour­cen sind noch stark: Ers­tens das Ehren­amt. 16 Mil­lio­nen Men­schen enga­gie­ren sich in Feu­er­weh­ren, Sport­ver­ei­nen oder dem KKV. Zwei­tens der loka­le Zusam­men­halt – die Kom­mu­nal­wah­len in Nie­der­sach­sen zei­gen übri­gens, dass Per­so­nen oft wich­ti­ger sind als Par­tei­en. Drit­tens ein brei­ter Grund­kon­sens für die sozia­le Markt­wirt­schaft. Selbst AfD-Wäh­ler wol­len in Umfra­gen kei­nen ame­ri­ka­ni­schen Mini­mal­staat, son­dern einen funk­tio­nie­ren­den deut­schen Sozi­al­staat – nur für “die Rich­ti­gen”.

Die eigent­li­che Fra­ge für die nächs­ten Jah­re ist also nicht, ob Deutsch­land aus­ein­an­der­bricht. Die Fra­ge ist, ob es sich aus der Gleich­zei­tig­keit von hohem Anspruch und mit­tel­mä­ßi­ger Umset­zung befrei­en kann. An die­ser Stel­le muss natür­lich eine bes­se­re Ver­wal­tung mit schnel­le­ren Geneh­mi­gun­gen, digi­ta­len Ämtern, Schu­len, die Unter­richt garan­tie­ren, und eine Indus­trie­po­li­tik, die nicht nur Zie­le für 2045 for­mu­liert, gefor­dert wer­den.

Ent­schei­dend ist aber, dass die finan­zi­el­le Basis unse­rer Sys­te­me nach­hal­tig gesi­chert wird und wir fest­le­gen, was der Staat sich mit wel­cher Prio­ri­tät leis­ten kann und will und natür­lich auch, was der Bür­ger tat­säch­lich selbst bewäl­ti­gen muss. Die viel geschol­te­nen Refor­men der Bun­des­re­gie­rung sind ein rich­ti­ger Weg, hof­fent­lich wer­den sie nicht wie­der durch die vie­len Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen zur Unkennt­lich­keit ver­zerrt. Auch wenn Fried­rich Merz des­halb sehr unbe­liebt ist, jeder ande­re Kanz­ler hät­te die­sel­ben Pro­ble­me und Ent­schei­dun­gen vor sich. 

Deutsch­land ist nicht pola­ri­siert wie die USA, nicht blo­ckiert wie Frank­reich. Die Reform­mü­dig­keit ist heil­bar – aber nur mit sicht­ba­ren Erfol­gen im All­tag. ‎

Chris­ti­an Berndt