KKV-Aktuell, Ausgabe 7/8-2021


Foto: Thomas Michalski

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Kennen Sie schon diese Hildesheimer Rose?

Diese Hildesheimer Rose mit einem großen Bergkristall in der Mitte befindet sich auf der Tür zum Rathaus.

Das gotische Rathaus wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit lokalem Sandstein fertiggestellt. Es wurde 1945 beschädigt und bis 1954 schnell wieder aufgebaut und dann eingeweiht.

In der Mitte der Vorderseite vom Marktplatz aus gesehen befindet sich oberhalb der zweiseitigen Treppe unter den Arkaden der Haupteingang zum Rathaus. Die zweiflügelige Eingangstür aus Holz mit schwerer bronzener Verkleidung wurde mit der Restaurierung 1954 von Carl van Dornicks (1919-1979) geschaffen. Zwischen dem regelmäßigen Netz von Nieten erkennt man eingravierte Darstellungen, die auf die dort früher im Gebäude angesiedelten Ämter hinweisen.

Hier ein Beispiel:

 

Erkennen Sie es?
Es steht für das Standesamt.
Einen erholsamen Sommer wünscht Ihnen

Regina Michalski

Vorwort

Mariä Heimsuchung

Liebe Schwestern und Brüder im KKV,

ehrlich gesagt konnte ich mit dem Begriff „Heimsuchung“ für das Marienfest am 2. Juli lange nichts anfangen und finde ihn ziemlich antiquiert. Er hat sich aber als Bezeichnung für den Besuch Marias bei Elisabet in der Sprache der Kirche eingebürgert. Das Wort ist allerdings ambivalent und kann auch Schicksalsschlag, Verhängnis und Gericht bedeuten. So ist es bei Heimsuchungen Gottes im Alten Testament: Für Frevler bedeuten sie den Gerichtstag und Untergang (Jes 10,3; Am 3,2). Gottgläubigen Menschen dagegen verheißen sie Segen. Diese positive Bedeutung hat „Heimsuchung“ auch im Neuen Testament als Gnadenerweis Gottes (Lk 7,16; 19,44).
Der Evangelist Lukas berichtet in der Kindheitsgeschichte Jesu in den Kapiteln 1 und 2 seines Evangeliums von zwei Frauen, die schwanger werden: Maria, die unverheiratete Jungfrau, und ihre unfruchtbare greise Cousine Elisabet. Die Schwangerschaft beider Frauen wird jeweils nach der Ankündigung des Erzengels Gabriel durch Gottes Geist und Schöpfungsmacht bewirkt: „Denn für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37).
Die Kindheitsgeschichte Jesu ist eine alte Überlieferung, die Lukas für die Glaubensunterweisung seiner Leser redaktionell bearbeitet und seinem Evangelium voranstellt. Dabei leitet ihn vor allem seine theologische Zusammenschau der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen, von der Zeit vor Jesus über die Zeit des irdischen Jesus bis zur Zeit der Kirche nach Pfingsten. Dieser sog. heilsgeschichtlichen Konzeption folgend, gestaltet Lukas die einzelnen Erzählungen vom Beginn der Lebenswege Jesu und des Johannes bewusst parallel, indem er sie in zwei Diptychen (Zweiteilige Tafelbilder) anordnet. Allein schon aufgrund der Textmenge wird sofort deutlich, dass es ihm dabei um die Überbietung des Täufers durch Jesus geht.
1. Diptychon: Auf die Ankündigung der Geburt des Johannes (Lk 1,5-25) folgt die Ankündigung der Geburt Jesu (Lk 1,26-38). Diese erweitert und betont Lukas durch Hinzufügen der Heimsuchungserzählung und des Magnificat-Liedes Marias (Lk 1,39-56).
2. Diptychon: Auf die Geburt des Täufers (Lk 1,57-80) folgt die Geburt Jesu (Lk 2,1-21), die Lukas wiederum erweitert durch das Zeugnis von Simeon und Hanna über Jesus und ein angefügtes Canticum, das Nunc dimittis, sowie die Erzählung vom Zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lk 2,22-40.41-52).
Es wird deutlich, dass Lukas von Johannes d.T. eigentlich nur wegen Jesus erzählt und seine Leser darin bestärkt, in Johannes seinen Vorläufer zu sehen. Diese Zentrierung auf Jesus durchzieht die gesamten Kindheitsgeschichte.
Zusätzlich prägt Lukas sie durch das für ihn typische Schema von Verheißung und Erfüllung: die Verheißungen an Zacharias und Elisabet sowie an Maria gehen in den Geburten von Johannes und Jesus in Erfüllung. Unter diesen lukanischen Vorzeichen ist die Heimsuchungserzählung zu interpretieren.

 Die Erzählung vom Besuch Marias bei Elisabet

„In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.
Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“ (Lk 1,39-56)
Die Begegnung der beiden Mütter wird zugleich zur ersten Begegnung der beiden Kinder. Als Elisabet den Gruß Marias hört, „hüpfte das Kind in ihrem Leib“. Der noch ungeborene Johannes macht freudig bewegt auf den kommenden, noch ungeborenen Jesus aufmerksam. Lukas will sagen: Schon im Mutterleib erkennt Johannes den Messias und nimmt seine Aufgabe als letzter Prophet des Alten Testaments und Vorläufer Jesu im Neuen Testament wahr. Dem entspricht, was Gott seinem Vater, dem Priester Zacharias, über seinen Sohn Johannes geoffenbart hatte: „Er wird groß sein vor dem Herrn… und schon vom Mutterleib an wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein (Lk 1,15). Eine überraschende Erkenntnis aus diesem Text ist für mich auch: Gott teilt sich nicht nur durch sein Wort mit, sondern spürbar auch durch die Sprache des Körpers.
Geisterfüllt preist Elisabet „mit lauter Stimme“ Maria: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lk 1,42). Das ist zweifellos der Höhepunkt der Erzählung: Maria hat der Verheißung Gottes an sie geglaubt, wie damals Abraham, der Vater aller Glaubenden. Sie ist in der sich jetzt anbahnenden Zeit der Erfüllung das Urbild und Vorbild des Vertrauens auf Gott. Der Lobpreis Marias ist aber auch die biblische Begründung der Marienverehrung, die besonders Lukas in seinem Evangelium bezeugt, das mit dem Segen für Maria und Jesus beginnt und mit dem Segen des Auferstandenen für die Jünger (Lk 24,50) endet, ein „Evangelium des Segens“.
Elisabet nennt Maria „Mutter meines Herrn (kyrios)“. „Kyrios“ ist im Neuen Testament ein sog. christologischer Hoheitstitel, mit dem der auferstandene Christus bezeichnet wird und in dem der Kern christlichen Glaubens in einem Wort zum Ausdruck kommt. Elisabet ist die Erste, die Jesus so nennen darf. Lukas bringt mit dem Titel „Herr“ zum Ausdruck: Alles, was ihr in meinem Evangelium lest, steht im Lichte von Ostern und kann nur aus der österlichen Perspektive richtig verstanden werden.

Das Loblied Mariens

Maria reagiert auf den Lobpreis Elisabets mit dem Magnificat, das die Kirche jeden Tag zur Abendliturgie singt und am Fest Mariä Heimsuchung als Tagesevangelium verkündet. Dieses Lied hat es in sich!
„Meine Seele preist die Größe des Herrn / und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan / und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht / über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron / und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an / und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig“ (Lk 1,46-55).
Das Magnificat ist ein psalmähnlicher Hymnus. Er besteht aus einer Fülle von alttestamentlichen Zitaten und liturgischen Formeln und sagt Wichtiges über Gott aus, über seinen Heilsplan, seine Treue, die Wiedereinsetzung seines Herrschaftsrechtes und die Erwählung der Armen und dass er die Menschen rettet.
Maria, als Jüdin noch ganz im Alten Testament beheimatet, wird den verheißenen Erlöser Israels gebären und steht somit auch schon ganz im Neuen Testament. In diesem Spannungsfeld von Verheißung und Erfüllung singt sie dieses Lied und jubelt über Gott als ihren „Retter“. Der Grund ihres überschwänglichen Lobpreises ist der erwählende und rettende Blick Gottes. Ganz persönlich auf sie hat Gott in ihrer „Niedrigkeit“ als „Magd“ geschaut. Maria hat ein „Ansehen“ bei Gott gefunden und seine Aufmerksamkeit erlebt. Gottes Großtat an ihr ist die geistgewirkte Empfängnis des künftigen Retters Israels, Jesus Christus. Die Wortwahl des Textes verrät im übrigen, dass Maria zu den sozial Armen in Israel zählt, denen vor allem Lukas in seinem Evangelium besondere Aufmerksamkeit schenkt.
Das Erbarmen Gottes gilt den Armen, die er schätzt und schützt und mit ihnen leidet. Seine ganze Macht stellt er in den Dienst seines Erbarmens. Den Ausgegrenzten, Unterdrückten, Hungernden, Entrechteten und Ohnmächtigen verleiht Maria in ihrem Lied eine Stimme. Sie ist Sprachorgan der Sehnsucht und Erwartung von Rettung, Erlösung und Heil.
Ganz konkret wird Gott die sozialen Verhältnisse mit „machtvollen Taten“ ändern, damit die Armen ihre Würde wiedererlangen. Den „Niedrigen“ verschafft er gegenüber den „Hochmütigen“ und „Mächtigen“ Recht, den „Hungernden“ schenkt er die ihnen von den „Reichen“ vorenthaltenen Güter.
Dieser Umsturz der Verhältnisse, wie sie auch heute in der Welt oft herrschen, hat mit Christus bereits begonnen und wird sich in unserer Welt weiter durchsetzen, auch wenn man meint, davon nichts zu bemerken. Gottes Erbarmen kommt nämlich „über alle, die ihn fürchten“, d.h. über die Grenzen Israels hinaus zu allen Menschen. Darauf können wir vertrauen.
Unsere Aufgabe ist es, das Magnificat ernst zu nehmen und dem Erbarmen Gottes in dieser Welt Raum zu verschaffen, wo es sich zum Heil der Menschen entfalten kann, indem wir uns gegen den Hunger und die Armut in der Welt engagieren, gegen menschenverachtenden Machtmissbrauch aufstehen, die Beachtung der Menschenrechte einfordern und für eine gerechte Umverteilung der Güter dieser Welt eintreten.

Diakon Dr. Rolf Buseman
(Geistlicher Beirat des KKV-Diözesanverbandes Hildesheim)

Gruß eines Urgesteins des KKV Hildesheim

Liebe KKVerinnen, liebe KKVer!
Was wären wir ohne KKVAktuell – diesem Bindeglied, gerade während der Corona-Krise? Mussten wir nicht in den letzten 15 Monaten auf vieles verzichten? So freue ich mich über das monatliche Heft.
Ich freue mich auch, dass ich während meiner Krankheit von vielen Freunden, Bekannten, KKVerinnen und KKVern angerufen worden bin oder auch jetzt, wo ich zu Hause bin, besucht oder angerufen werde. DANKE!
Möge der liebe Gott uns die Kraft geben, diese Zeit der Pandemie zu meistern und vor allem bleiben Sie gesund.
Mit verbandsbrüderlichen Grüßen

Ihr Karl Klodwig

KKV-Aktuell, Ausgabe 6-2021


Foto: Thomas Michalski

Zum Titelbild

Das Bronzemodell des Domhofs vom Bildhauer Egbert Broerken1), das auf unserem Titelbild zu sehen ist, steht seitlich vor dem Bischofshaus zwischen zwei Bänken.
Der Domhof in Hildesheim ist – wie sicher die meisten von uns wissen – der Platz um den Dom mit der umgebenden Bebauung. Es handelt sich um einen relativ geschlossenen Bereich mit nur einer schmalen Autozufahrt vom Bohlweg aus und drei Zugängen für Fußgänger: das Paulustor, das Petrustor und die Stinekenpforte.
Der Gebäudebestand stammt zu großen Teilen aus dem 18., nur an der Ostseite überwiegend aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Der Zuschnitt ist noch weitgehend der der Domburg Bischof Bernwards von 815. Der Domhof ist neben der jüngeren Marktsiedlung um die Andreaskirche die Keimzelle der Stadt Hildesheim.
Der Nordteil trägt auch den Namen „Großer Domhof“, während der kleinere südliche Teil auch „Kleiner Domhof“ (auch als Schulhof des Josephinums genutzt) genannt wird. Die Grenze zwischen beiden bildet das ehemalige Residenzschloss, heute das BGV.

1) Egbert Broerken (*1950 in Hovestadt) ist ein deutscher Bildhauer, der vor allem für seine Stadtmodelle für Blinde und Sehbehinderte bekannt ist. Bis 2012 hat er rund 80 Innenstädte und Einzelobjekte wie Kirchen und Klöster als Miniaturversionen in Bronze gegossen. Seine Modelle entstehen im Wachsausschmelzverfahren.

Vielleicht schauen Sie sich das Modell einmal genauer an?

Regina Michalski

Vorwort

Fragt der Pfarrer im Religionsunterricht: „Wer von euch kann mir die zwölf Apostel nennen?“ Betretenes Schweigen. „Jonas, du bist doch Ministrant. Du müsstest es wissen.“ Zögernd und mit langen Denkpausen stottert Jonas: „Die zwölf Apostel… sind … folgende vier … Peter und Paul.“

Liebe Schwestern und Brüder im KKV,
möglicherweise war Jonas am 29. Juni, dem Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus, als Ministrant eingeteilt? Mancher wird sich an unsere KKV-Pilgerfahrt nach Rom erinnern: Vor dem Petersdom stehen links und rechts die marmornen Statuen des hl. Petrus und des hl. Paulus.

Wie kommt Paulus vor den Dom des Petrus?
Sie werden sich vielleicht fragen: Der hl. Paulus, ein Apostel? Dann sind ja die zwölf Apostel eigentlich dreizehn. Fast richtig!
Der Evangelist Lukas berichtet zu Beginn der von ihm verfassten Apostelgeschichte (Apg) die Nachwahl des Apostels Matthias (Apg 1,15-26) als Ersatzmann für Judas Iskariot, den Verräter Jesu, der sich aufgehängt hat. Der Zwölferkreis der Apostel soll wieder auf seine symbolträchtige Vollzahl gebracht werden. Mit dieser Neukonstituierung will Lukas auf die Kontinuität der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen verweisen, vom Gottesvolk Israel zum irdischen Jesus und weiter zu den zwölf Aposteln, die nach Ostern das neue Gottesvolk repräsentieren.
Als einziger neutestamentlicher Schriftsteller formuliert Lukas die sog. „Magna Charta des Zwölferapostolats“ (Apg 1,21f). Apostel ist demnach, wer: a) von Jesus dazu ausgewählt und berufen ist und zu seiner engsten Lebensgemeinschaft mit den Zwölf gehört, b) Jesus während seiner irdischen Wirksamkeit von der Taufe bis zur Himmelfahrt begleitet hat und c) Zeuge der Auferstehung Jesu ist.
Das trifft auf zwölf Männer zu: „Simon, den er auch Petrus nannte, und dessen Bruder Andreas, Jakobus, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon, genannt der Zelot, Judas, den Sohn des Jakobus und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde“ (Lk 6,12-16). Diese Apostelliste findet man fast übereinstimmend auch bei Markus und Matthäus (Mk 3,16-19 par Mt 10,2-4).
Auf den nachgewählten Matthias treffen die Apostel-Kriterien des Lukas zu. Deshalb gehört er als „dreizehnter“ Apostel zum Kreis der Zwölf. Trotzdem steht nicht Matthias, sondern Paulus neben Petrus vor dem Petersdom?
Lukas will der Urkirche vermitteln, dass die zwölf Apostel gemeinschaftlich Zeugen der Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit der Überlieferung der Worte und Taten des irdischen Jesus und seiner Auferweckung sind. Auf diese Zwölf und ihr Zeugnis ist Verlass! Sie – und nur sie – sind Garanten und Bürgen der Kontinuität und Legitimität urkirchlicher Verkündigung. Daher die Nachwahl des Matthias. Bleibt allerdings anzumerken, dass Matthias direkt nach seiner Wahl wort- und tatenlos in der Versenkung verschwindet und im ganzen Neuen Testament nicht mehr erwähnt wird.

Paulus
Paulus dagegen hat den irdischen Jesus gar nicht gekannt. Er ist folgerichtig bei Lukas auch kein Apostel und zählt nicht zu den Zwölf wie Matthias. Bis auf zwei eher beiläufige Erwähnungen in Apg 14,4.14 gesteht Lukas dem Paulus auch nicht den Aposteltitel zu. Das übrige Neue Testament und die Kirche dagegen haben dem hl. Paulus die Apostelwürde nicht vorenthalten. Im Gegenteil: Ihm gilt die gleiche Hochschätzung der Apostel und des Apostelamts wie den Zwölf. Die Gründe dafür liegen in der Vita des Paulus und seinem Verständnis vom Apostelsein, das sich von dem des Lukas unterscheidet.
Als überzeugter Jude und Pharisäer hat Paulus die Kirche Jesu Christi fanatisch verfolgt und zu vernichten versucht, wie er selbst im Brief an die Gemeinden Galatiens bekennt. Aber sein streng gesetzestreues Leben als Torarigorist erfährt durch seine Christusvision eine entscheidende Wende: „Als es aber Gott gefiel, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, in mir seinen Sohn zu offenbaren, damit ich ihn unter den Völkern verkünde, da zog ich nicht Fleisch und Blut zu Rate; ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren…“ (Gal 1,15-17).
Dieses Offenbarungserlebnis verändert seine ganze Existenz. Paulus erkennt für sein weiteres Leben im wahrsten Sinn des Wortes Revolutionäres, das ihn radikal mit seiner Vergangenheit brechen lässt:
1. Jesus lebt. Der Gekreuzigte wurde von Gott aus den Toten erweckt (vgl. Röm 1,1-3).
2. Die Verkündigung der ersten Christen von Jesu Tod und Auferweckung, die ich zu vernichten suchte, ist richtig.
3. Gottes Heilsweg verläuft völlig anders, als wir Juden es erwartet haben: Der Gekreuzigte und vom jüdischen Gesetz Verfluchte ist der ersehnte Messias und Sohn Gottes, der Christus!
Daraus folgt für Paulus konsequent:
* Nicht die Befolgung des alttestamentlichen Gesetzes und damit die eigene Leistungsfrömmigkeit rettet den Menschen, sondern allein die Gnade Gottes aufgrund des Glaubens an Jesus Christus, den Sohn Gottes.
* Jesus Christus ist das Ende des Gesetzes, das Evangelium ist gesetzesfrei und als solches auch zu verkünden.
* Das vom auferweckten Christus gewirkte Heil gilt nicht nur elitär den Juden, sondern universal und uneingeschränkt allen Menschen bzw. (heidnischen) Völkern.
* Ich, Paulus, bin ein Apostel Jesu Christi und Gesandter zu den Völkern und muss ihnen diese Frohe Botschaft verkünden.
Aus dem Christenverfolger und Eiferer für das jüdische Gesetz wird der Verkünder und Eiferer für das Evangelium Jesu Christi. Die Apostelgeschichte schildert eindrucksvoll drei Missionsreisen des größten Missionars, den die Kirche jemals hervorgebracht hat. Rastlos und unter unsäglichen Strapazen zieht Paulus durch Zypern, ganz Kleinasien und Griechenland bis nach Rom. Auf seinen Wegen, die wir KKV-Pilger*innen in diesen Ländern nachgehen durften, gründet er eine Gemeinde nach der anderen und verkündet ihnen das Zentraldatum christlichen Glaubens: Gott hat Jesus aus den Toten erweckt! So bringt er das Evangelium auch zu uns nach Europa und bis nach Rom. Philippi ist nicht nur die erste Gemeindegründung auf europäischem Boden, sondern auch seine Lieblingsgemeinde, die von einer Frau (!), der Lydia, geleitet wird. Mit den Gemeinden hält Paulus Kontakt durch seine Briefe, stärkt sie im Glauben und regelt Fragen und Probleme des konkreten Zusammenlebens als Christen. Der Urgemeinde in Jerusalem und damit dem „Mutterhaus“ der Kirche, bleibt Paulus Zeit seines Lebens eng verbunden, u.a. durch ein Kollektenwerk in den heidenchristlichen Gemeinden, das er zugunsten der Armen im judenchristlichen Jerusalem organisiert hat.

Simon Petrus
Den einfachen Fischer vom See Gennesaret zeichnet vor allen anderen Aposteln aus, dass er der Erste ist, den Jesus in seine Nachfolge ruft (Mk 1,16-20). Im Kreis der Zwölf steht er ebenfalls stets an erster Stelle und fungiert als dessen Sprecher. Er ist der Fels (griech. Petros, aram. Kephas): „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18). Es ist Konsens in der Forschung, dass es sich hierbei nicht um ein Wort des irdischen Jesus handelt. Auch denkt es nicht an einen Nachfolger des Petrus oder ein kirchliches Petrusamt. Petrus ist nicht „der erste Papst“. Im gesamten Neuen Testament ist auch kein ausdrücklicher Kirchengründungsakt des historischen Jesus nachzuweisen.
Aber: Der Satz vom Felsenmann zeugt von der hohen Bedeutung des Petrus innerhalb der Jesusglaubensbewegung, in der sich schon zu Lebzeiten Jesu so etwas wie eine Präfiguration der nachösterlichen Kirche andeutet. Das gilt, obwohl Petrus den Leidensweg Jesu hinauf nach Jerusalem nicht mitgehen will, weil für ihn Gott und Leid nicht vorstellbar sind, und trotz seines bitterlich bereuten Versagens, als er Jesus im entscheidenden Augenblick höchster Not dreimal verleugnet (Mk 14,66-72 parr).
Auch Paulus weist in dem schon ihm überlieferten „Urcredo des Christentums“ in 1 Kor 15, 3b-5.6-10 darauf hin, dass der auferweckte Christus zuerst dem Petrus erschienen ist, dann den Zwölf, danach mehr als 500 Brüdern (und Schwestern) zugleich, dann dem Jakobus, dann allen Aposteln – und schlussendlich „gleichsam der Missgeburt“ auch ihm selbst. Petrus ist also die Nummer Eins unter den Aposteln. Jonas und die Kirche haben Recht, wenn sie „Peter und Paul“ in dieser etablierten Reihenfolge nennen.
Das Verdienst des Petrus ist die Sammlung und Konstituierung der Urkirche nach Ostern und die Leitung der Urgemeinde in Jerusalem (Gal 1,18f; 2,9). Ihr ist Petrus Zeuge und Garant für die Jesusüberlieferungen, die er weitervermittelt, so dass sie in die späteren Evangelien einfließen konnten. Als ihr Hirte und Sprecher hält er die berühmte Pfingstpredigt, in der er die entscheidende Öffnung der noch ganz im Schoß des Judentums lebenden Jesusglaubensbewegung auf die ganze Welt hin verkündet. Petrus ist es auch, nicht Paulus, der gegen den Widerstand der Jerusalemer Judenchristen den ersten Heiden tauft, nämlich den gottesfürchtigen römischen Hauptmann Kornelius (Apg 10). Über seine Missionsreisen ist nichts bekannt, Schriftliches hat er nicht hinterlassen. Sein Lebensweg, auf dem ihn übrigens seine Frau begleitet hat (1 Kor 9,5), führt ihn schließlich nach Rom.
Ganz so harmonisch, wie wir es in unserer Idealvorstellung von Kirche oft erwarten, ging es zwischen den Aposteln in der Urkirche nicht immer zu. Palästinische Juden und hellenistische Heiden in der Mission als Christen „unter einen Hut“ zu bringen, war wegen ihrer höchst unterschiedlichen religiösen Prägung ein spannungs- und konfliktreiches Unterfangen, das auch auf die Apostel seine Rückwirkungen hatte. Man bedenke: Die Juden erwarteten sehnsüchtig einen königlichen Messias, der Israel als auserwähltes Gottesvolk wieder zur alten Größe heraufführen würde. Die Apostel, allesamt Juden, präsentieren ihnen nach Ostern einen Gekreuzigten und vom jüdischen Gesetz Verfluchten als Messias, den Gott vor dem Ende der Zeit aus den Toten erweckt haben soll. Diesen Messias-Christus verkünden sie den (heidnischen) Völkern als Sohn Gottes und Retter. Müssen Juden das nicht als Angriff auf ihre vom Gesetz garantierten Heilsprivilegien als auserwähltes Gottesvolk verstehen? Während Petrus die judenchristliche Urgemeinde sammelt und leitet, ist Paulus mit ihrer Verfolgung beschäftigt. Erst aufgrund seiner Christusvision vor Damaskus wird ihm einsichtig, dass er zum Apostel berufen und zu den Heiden gesandt ist.

Der Apostelkonvent in Jerusalem
Paulus, der inzwischen der heidenchristlichen Gemeinde in Antiochia angehört, geht zusammen mit Barnabas nach Jerusalem hinauf, um sich dort mit Petrus, Jakobus und Johannes zu treffen (Gal 2,1-10; vgl. Apg 15,1-35). Ihn treibt die Sorge um, mit seiner Verkündigung des gesetzesfreien Evangeliums „ins Leere“ (Gal 2,2) zu laufen. Deshalb will er auf diesem Konvent der Apostel (auch missverständlich „Konzil“ genannt) geklärt wissen, welchen Standpunkt die Repräsentanten der judenchristlichen Urgemeinde zu seiner frei vom jüdischen Gesetz erfolgreichen Verkündigung des Evangeliums unter den Griechen (Heiden) einnehmen. Einige aus der Jerusalemer Führungsriege, ehemalige Pharisäer, verlangten nämlich, dass Heiden erst beschnitten werden müssten, bevor sie getauft werden (Apg 15,5). Ein derartiger Umweg über das Judentum hätte dem jüdischen Gesetz doch noch eine Heilsrelevanz zugestanden. Nach Überzeugung des Paulus aber ist das Gesetz völlig irrelevant, sondern Heil und Rettung des Menschen geschehen einzig und allein durch die Gnade Gottes aufgrund des Glaubens an Jesus Christus. Die junge Kirche hätte sich zudem sehr schnell in eine jüdische Sekte aufgelöst.
Paulus kann die Jerusalemer schließlich überzeugen und sich durchsetzen: „…sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist wie dem Petrus für die Beschnittenen, denn Gott, der Petrus die Kraft zum Aposteldienst unter den Beschnittenen gegeben hat, gab sie mir zum Dienst unter den Völkern – und sie erkannten die Gnade, die mir verliehen ist. Deshalb gaben Jakobus, Kephas und Johannes, die als die Säulen Ansehen genießen, mir und Barnabas die Hand zum Zeichen der Gemeinschaft: Wir sollten zu den Heiden gehen, sie zu den Beschnittenen“ (Gal 2,7-9).
Diese Einigung bestätigt auch Apg 15,4-21. Petrus, der ja schon den heidnischen Hauptmann Kornelius getauft hatte, wenn auch unter großen Bauchschmerzen, und Jakobus sowie die übrigen Apostel und Ältesten stimmen nach Prüfung der Frage und heftigem Streit der grundsätzlichen Linie des Paulus zu. Damit ist seine Heidenmission durch Jerusalem bestätigt und die Aufteilung der christlichen Mission in die beiden Zielgruppen Juden und Heiden vereinbart. Man sollte festhalten: Diese grundlegende Entscheidung kam nach intensiver theologischer Diskussion, vernünftiger Darlegung sachlicher Argumente, aber auch durchaus mit Streit und Auseinandersetzungen zustande. Eine Entscheidung durch ein Machtwort im Stil von „Roma locuta causa finita“, war den Aposteln hingegen fremd. Ihnen war eine vielfältige Ausprägung der Kirche nicht nur eine Frage der Toleranz, sondern eine Frage der Treue zur Sache Jesu, ohne die es eine Kirche nicht geben wird. Gleichmacherei hätte bedeutet, dass die junge Kirche nie aus dem palästinischen Raum in die Welt herausgekommen wäre.

Der Zwischenfall in Antiochia
Längst nicht alle Fragen des Zusammenlebens von Juden- und Heidenchristen in einer Gemeinde waren aber mit dem Apostelkonvent beantwortet. Die ergaben sich erst in der Praxis. Damals galt etwa, dass die alttestamentlichen Speisegesetze Juden nicht erlaubten, sich zum Essen gemeinsam mit Heiden an einen Tisch zu setzen. Während der Feier des Herrenmahls, also der Eucharistie, in der heidenchristlichen Gemeinde in Antiochia, an der auch Petrus teilnimmt, kommen Judenchristen aus Jerusalem hinzu. Daraufhin zieht sich Petrus aus der Tischgemeinschaft zurück „und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete“ (Gal 2,12). Ebenso heucheln weitere anwesende Judenchristen sowie Barnabas und verlassen die gemeinsame Eucharistiefeier. Das bringt Paulus in Rage, denn er sieht in diesem Verhalten des Petrus eine inakzeptable Infragestellung der „Wahrheit des Evangeliums“. Deshalb „habe ich ihm ins Angesicht widerstanden“, berichtet Paulus den Galatern, „denn käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben“ (Gal 2,21b).
Petrus musste klein beigeben. Beide Apostel sind schließlich davon überzeugt, dass die Einheit der Kirche in der Einheit der Eucharistie begründet ist.

Petrus und Paulus: die Apostelfürsten
So unterschiedlich die Charaktere und Lebenswege der beiden Apostel auch gewesen sind und trotz manchen heftigen Differenzen, sind sich beide Apostel doch stets mit gegenseitiger Hochachtung und Anerkennung begegnet. Sie stimmen in den wesentlichen Punkten des christlichen Glaubens überein und verfolgten das gleiche Ziel: Christus, den Herrn zu verkünden. Beide haben maßgeblich die Struktur und bleibende Gestalt der Kirche bestimmt: Petrus, der Felsenmann, auf dem der Bau der Kirche errichtet wird, und Paulus, der als Missionar ihr inneres Gefüge entwickelt und als intellektueller Theologe/Christologe den christlichen Glauben entscheidend geprägt hat. Ohne die beiden hätte es eine römisch-katholische Kirche nicht gegeben!
Diese Gemeinsamkeit einerseits und die Akzeptanz der Verschiedenheit andererseits ist es, die damals von grundlegender Bedeutung, für die sich konsolidierende christliche Kirche war. Den heutigen Zentralismus Roms in Glaubensfragen lässt das zumindest fragwürdig erscheinen.
Die Lebenswege des Petrus und des Paulus treffen sich zuletzt wieder in Rom, wo beide durch ihren gewaltsamen Tod, wahrscheinlich unter Kaiser Nero um 64. n.Chr., Zeugnis ablegen.
Die Statuen der Apostelfürsten Petrus und Paulus haben daher zurecht ihren würdigen Platz vor dem Petersdom.
Jonas kannte zwar nicht die Namen aller zwölf Apostel (wer von uns kennt die schon auf Anhieb!), aber er konnte die beiden wichtigsten nennen: Peter und Paul. Und das ist doch schon was!

Ihr Diakon Dr. Rolf Busemann
(Geistlicher Beirat des KKV-Diözesanverbandes)

Zur besseren Lesbarkeit sind nicht alle Bibelstellen angegeben. Bibelzitate aus der Einheitsübersetzung sind kursiv gedruckt.