KKV-Aktuell, Ausgabe 9-2022


Foto: Thomas Michalski

Zum Titelbild

Dieses Mal sehen wir auf dem Titelbild den Hl. Andreas, erkennbar am Andreaskreuz.

Das Sgraffito befindet sich rechts am Andreashaus am Andreasplatz:

In der obersten Reihe gibt es weitere Sgraffiti, u.a. die vier Evangelisten.
Das Andreashaus, Andreasplatz 5/6 ist das Pfarrhaus der Andreaskirche in Hildesheim. Es steht unter Denkmalschutz.
Die Technik, die zur Gestaltung des Andreasbilds Anwendung fand, nennt sich Sgraffito, die Putz-Kratztechnik.  Es handelt sich um eine Dekorationstechnik zur Bearbeitung von Wandflächen. Nach der Auflage verschiedenfarbiger Putzschichten werden Teile der oberen Putzschicht abgekratzt und Teile der darunterliegenden Putzschicht freigelegt, sodass durch den Farbkontrast ein Bild erzeugt wird.
Die Technik stammt aus Italien und Böhmen des 16. Jahrhunderts und wird im weiteren Sinn zu den Stucktechniken gezählt.
In den 50iger Jahren war diese Technik in Hildesheim populär und Bilder an Hauswänden in dieser Technik sind auch an anderer Stelle in Hildesheim zu finden. Einige sind z.B. durch Fassadendämmung schon wieder verloren gegangen.

Regina Michalski
Foto Thomas Michalski

Vorwort

Der gerechte Krieg

Liebe Verbandsschwestern und Verbandsbrüder,

der Ukraine-Konflikt tobt seit 5 Monaten und bringt eine alte Diskussion wieder zum Vorschein. Darf man als Christ in den Krieg ziehen? Darf man für eine gerechte Sache kämpfen oder muss man immer verhandeln, nachgeben und immer die andere Wange hinhalten? So könnte man z.B. unseren Bischof Wilmer verstehen, der Ostern noch Waffenlieferungen an die Ukraine ablehnte.
Das heutige Kriegsvölkerrecht beruht zu einem großen Teil auf den vielen philosophischen Ansätzen, die gerade in der katholischen Kirche entwickelt worden sind.
Die von Augustinus geprägte Lehre vom gerechten Krieg (bellum iustum) besagt, dass er nur dann ethisch und rechtlich legitim ist, wenn er bestimmten Anforderungen genügt. Augustinus wesentliche Kriterien sind:
Der (Verteidigungs-)Krieg muss dem Frieden dienen und diesen wiederherstellen (iustus finis).
Er darf sich nur gegen begangenes, dem Feind vorwerfbares Unrecht – eine gravierende Verletzung oder Bedrohung der Rechtsordnung – richten, das wegen des feindlichen Verhaltens fortbesteht (causa iusta).
Die Verteidigung im Falle eines unprovozierten Angriffs gehört damit in jedem Fall dazu.
Der Begriff des gerechten Krieges selbst entstand bereits im antiken Rom (v. a. bei Cicero und wie immer mit griechischen Vorläufern), und wurde seit etwa 420 zu einer detaillierten kirchlichen Theorie entfaltet. Um 1140 wurde diese in das Decretum Gratiani aufgenommen und damit Teil des kanonischen Rechts, was aber z.B. die Greul des 30-jährigen Krieges nicht verhinderte.
Seit dem späten 16. Jahrhundert entwickelte sich daraus das kirchenunabhängige, aktuelle Kriegsvölkerrecht. Nach diesem modernen Völkerrecht ist der Angriffskrieg grundsätzlich geächtet (legitim sind lediglich von den Vereinten Nationen mandatierte „militärische Sanktionen“ zum Zweck der Friedenssicherung).
Vollständigen Pazifismus haben übrigens auch die Kirchen nie verlangt. Man stellt heute allerdings mehr auf den „gerechten Frieden“ ab, den man aber im äußersten Notfall auch mit Waffengewalt verteidigen muss und darf.
Konsequenterweise hat die katholische Bischofskonferenz zur Ukraine auch beschlossen, dass sie als angegriffenes Land „ihr völkerrechtlich verbrieftes und auch von der kirchlichen Friedensethik bejahtes Recht auf Selbstverteidigung“ wahrnehmen könne.
Altbundespräsident Joachim Gauck hat sich kürzlich bei Herrn Lanz wie folgt geäußert: „Pazifismus ist ehrenvoll, führt aber nicht zum Guten. Er zementiert nur die Dominanz der Bösen, der Unmenschlichen und der Verbrecher“. Nicht zuletzt dürfte er auch den Kampf gegen Hitler gemeint haben, der von einer pazifistischen Haltung seiner Gegner sicher begeistert gewesen wäre. Ob er selbst als ehemaliger Pfarrer zur Waffe greifen würde, wollte Gastgeber Lanz wissen. Gauck entgegnete: „Ich würde mir wünschen, es nicht tun zu müssen, aber in einem solchen Fall würde ich es tun.“ Man dürfe „nicht vor den Gewissenlosen kapitulieren“.
Dem ist wenig hinzuzufügen. Auch Christen dürfen sich und ihr Land verteidigen und man darf und sollte Angegriffenen dabei helfen.

Christian und Dr. Barbara Berndt

KKV-Aktuell, Ausgabe 7/8-2022


Foto: Thomas Michalski

Zum Titelbild

Das Titelbild dieses Heftes ist eine Fotomontage von Fotos der Reliefs an einem Erker des Hauses Scheelenstraße 22.
Was ist das Besondere der Reliefs?
Sie zeigen religiöse Motive an einem Privathaus. In der oberen Reihe ist die Verkündigung dargestellt: links der Erzengel Gabriel, rechts Maria. Darunter sind links Bischof Bernward und recht Bischof Godehard zu sehen. Die Reliefs stammen von der Hildesheimer Künstlerin Gertrud Küsthardt-Langenhan (siehe auch KKVAktuell 04/2022).
Nach dem zweiten Weltkrieg musste vor allem die Innenstadt von Hildesheim zügig und preiswert wiederaufgebaut werden, da es viele obdachlose Menschen in der Stadt gab. Die sehr enge Fachwerkbebauung sollte einer großzügigeren Bebauung weichen, die Straßen wurden begradigt. Die Architektur der 50er ließ dabei aber nicht das architektonische Erbe außer Acht.
Im April 2022 habe ich an einem Stadtrundgang der VHS zum Thema: Architektur und Kunst der 50er Jahre in Hildesheim teilgenommen. Dabei habe ich viele bauliche Details entdeckt, die typisch für diese Zeit sind. Seitdem gehe ich mit einem anderen Blick durch Hildesheim.
Eins dieser baulichen Details sind Erker oder angedeutete Erker, die als Nachfolger an die mittelalterlichen Utluchten erinnern.
Andere Details zur Verschönerung des Stadtbilds sind die den Fachwerkbauten nachempfundenen rechteckigen Gliederungen der Häuser-Fronten, die Gestaltung der Fassaden mit Fliesen, die anderer Farbe der rechten und linken Hausseite als Begrenzung des Hauses. Haustüren und Fenster wurden eingefasst mit dekorativen Elementen, z.B. mit Waschbeton, der in den 50er Jahren entwickelt wurde.
An den Geschäftshäusern wurden die Eingänge zu den Geschäften ins Haus hineingelegt, um die Kunden sozusagen hineinzuziehen. Außerdem kann man an den Eingängen gebogene Schaufensterscheiben sehen. Über den Eingängen kann man nierenförmige Überdachungen bestaunen.
Und es gibt noch viel mehr zu entdecken!

Regina Michalski

Vorwort

Liebe Schwestern und Brüder im KKV,

am 6. August feiert die Kirche das Fest der Verklärung des Herrn. In der christlichen Tradition wurde das Geschehen auf dem schon von alters her heiligen Berg Tabor verortet (s.a. „Orte der Bibel“ in diesem Heft).

„Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien ihnen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus“ (Markus 9,2-8).

Die Verklärungserzählung findet sich im zweiten Teil des Markusevangeliums „Der Weg Jesu nach Jerusalem“ (Mk 8,27-10,52), in dem Markus insbesondere die Kreuzesnachfolge der Jünger auf dem Leidensweg Jesu thematisiert. Er greift auf Motive der Erscheinung Gottes auf dem Berg Sinai im Buch Exodus zurück: „Die Herrlichkeit des HERRN nahm Wohnung auf dem Berg Sinai und die Wolke bedeckte den Berg sechs Tage lang. Am siebten Tag rief er mitten aus der Wolke Mose herbei“ (Ex 24,16).

„Sechs Tage danach“ terminiert die Verklärung Jesu auf den siebten Tag nach dem vorangehenden Christusbekenntnis des Petrus bei Cäsarea Philippi (Mk 8,27-33) und ordnet sie so in eine historische Abfolge ein. Der „siebte Tag“ ist also am Berg Tabor wie am Berg Sinai der Tag der Offenbarung Gottes.

Jesus nahm wie Mose drei Begleiter als Zeugen mit auf den „hohen“ Berg, der an den Sinai erinnert, also nachdrücklich in die Nähe Gottes. Es sind die erstberufenen und ihm besonders vertrauten Jünger, Petrus, Jakobus und Johannes. Die drei werden zu ausgewählten Trägern der Christusoffenbarung.

Auf dem Tabor wird Jesus verwandelt. Die griech. Verbform bedeutet, dass Gott an ihm handelt und in der Verwandlung seines Sohnes sich selbst offenbart. Äußeres Zeichen dafür sind Jesu strahlend weiße Kleider. Dieses Weiß übersteigt die menschliche Vorstellungskraft. Der irdische Mensch Jesus wird als himmlisches Wesen der verklärten Welt vorgestellt. Seine Herrlichkeit scheint auf, in der er am Ende der Zeit kommen wird und die ihm, und das ist das Besondere am Taborgeschehen, schon jetzt von Gott her zu eigen ist.

Zwei Gestalten des Alten Testaments erscheinen in einer apokalyptischen Vision, Elija und Mose. Beide waren in den Himmel entrückt worden: Elija nach 2 Könige 2,11 und Mose nach jüdischem Volksglauben. Beide konnten sich damit am ehesten mit dem verklärten Jesus unterhalten. Elija repräsentiert die alttestamentlichen Propheten und gilt als Vorläufer des Messias, mit dem das Ende der Zeit anbricht. Wenn Markus ihn gegen die Chronologie des Alten Testaments vor Mose nennt, betont er damit: Jesus führt die Endzeit herauf. Mose steht für das Gesetz, das er am Sinai empfangen hat.

Petrus versagte eben noch in Cäsarea Philippi und bezog Jesu harsche Kritik, weil er nicht zur Kreuzesnachfolge bereit war: „Tritt hinter mich, du Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mk 8,33). Das Unverständnis der Jünger gegenüber der Leidensnachfolge Jesu, welches das gesamte Markusevangelium durchzieht, zeigt Petrus auch hier wieder am Tabor. Er will Hütten bauen! Menschlich ist sicher verständlich, dass er die himmlische Herrlichkeit des Augenblicks länger auskosten und bleibend festhalten will, anstatt den Weg Jesu ins Leiden mitzugehen. Aber die göttliche Herrlichkeit des Gottessohnes ist nicht von dieser Welt und lässt sich nicht auf diese Erde herunterziehen. Sie kann nur erhofft werden. Wir sollten aber das Unverständnis des Petrus als unsere Verpflichtung zum Protest gegen jedes Leid sehen, gegen das eigene und das fremde.

Die Wolke, die wie am Sinai auch am Tabor alle überschattet, ist Zeichen der Präsenz Gottes. Aus ihr spricht Gott zu den drei Jüngern. Schon bei der Taufe am Jordan am Anfang des Markusevangeliums präsentierte sie Jesus als Gottes geliebten Sohn (Mk 1,11). Die Verklärungsgeschichte, die Markus genau in der Mitte seines Evangeliums anordnet, inthronisiert Jesus als Messias und Sohn Gottes. Und unter dem Kreuz wird der römische Hauptmann beim Tod Jesu ausrufen:„Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“. Dieses einzigartige Verhältnis Jesu zu seinem himmlischen Vater begründet die Autorität seines Wortes: Auf ihn sollen wir hören.

Abrupt und ernüchternd endet das Taborgeschehen. Nach allem, was die Jünger an göttlicher Herrlichkeit auf dem Offenbarungsberg erlebt haben, sehen sie jetzt nur noch Jesus allein. Die Botschaft des Markus gilt ihnen und uns: Schaut auf den Herrn! Er allein bleibt mit seinem Wort als entscheidende Orientierung für ein gelingendes Leben. Ihm bereitwillig auf dem Weg zum Kreuz zu folgen, in der gläubigen Gewissheit, dass Leiden, Kreuz und Tod nicht das letzte Wort haben, ist unser Auftrag. „Er ist Gott, Gott für uns, er allein ist letzter Halt.“

Ich wünsche Ihnen coronafreie Urlaubstage, gute Erholung und ob Sie nun einen Berg besteigen oder ans Meer fahren, auf jeden Fall möge sie viel Sonne und Licht umstrahlen.

Ihr Diakon Dr. Rolf Busemann
Geistlicher Beirat des KKV-Diözesanverbandes